Elton John feierte sich in Montreux selbst

Elton John feierte sich in Montreux selbst

15’300 Zuschauer sind ins Stadion gekommen, und noch mehr Zaungäste schauten vom nahen Weinberg und den Balkons auf den umliegenden Häusern zu. Elton John (72) gab im Stade de la Saussaz einen fulminanten Abschied – und ehrte dabei Musiklegende Quincy Jones (86).

Christoph Soltmannowski

Im Publikum treffen sich fast vier Generationen von Fans, vom Teenager bis zum Pensionär. In brütender Hitze sind die Fans scharenweise herbeigeströmt, teilweise von weither – so auch Carola M. (58), die extra aus Berlin kam: «Ich bin Fan seit über 30 Jahren – und musste ihn einfach mal live sehen.» Sie hatte sich ihr Tickets schon vor über einem Jahr gekauft, als noch zwei Elton-John-Konzerte im Festivalcenter von Montreux geplant waren.

Doch der Star wollte nur einmal – und dafür vor mehr Leuten auftreten – und deshalb ist man hier im Stadion weiter oben am Berg. Das grösste Konzert, das es im Rahmen des 53-jährigen Montreux Jazz Festivals je gab. Und auch eines der besten. Elton John war zuvor noch nie am Festival aufgetreten – doch jetzt ist er da – aus seiner Residenz an der Côte d’Azur per Flugzeug und Helikopter angereist.Rückblick auf 50 Karrierejahre

Er lässt das Publikum nicht lange warten, legt los mit «Benny And The Jets» und «I Guess Thats Why Call It The Blues». Im schwarzen, mit funkelnden Glitzersteinen besetztem Frack und mit einer Brille, auf der sechsmal Elton steht, sitzt er am Flügel, wird begleitet von seinen altgedienten Musikern – dabei ein Drummer und zwei Perkussionisten.

Der Sound ist klar, die Töne präzis – die elegant in Schwarz gekleideten Herren machen ihren Job perfekt. Der kahlköpfige Ray Cooper, einer der beiden Perkussionisten, war mit Elton John schon in den Siebzigerjahren unterwegs – als einziger begleitete er Elton auf der ersten grossen Welttour.Abschiedstournee mit über 300 Destinationen

Auch auf der aktuellen Abschiedstournee sind über 300 Destinationen eingeplant. Entsprechend aufwendig ist die Ausstattung: Videos in allen Formen, mal realistische Bilder in Schwarzweiss, fantasievolle Comics, schnittige Dance-Choreografien – und ein Effekt, der den Flügel von Elton John plötzlich in Flammen stehen lässt.

In der musikalischen Reise aus 50 Karrierejahren ist so mancher Megahit und Evergreen dabei – darunter «Candle In The Wind», «Daniel», «Sad Songs», «Tiny Dancer», «Border Song» und natürlich «Rocketman», der auch der aktuellen Kinofilmbiografie zu Elton Johns Leben den Titel gab.

Zweieinhalb Stunden voller Songs, die man zwar kennt, die einem aber nie langweilig werden – zwischendurch setzen Elton und seine alten Knaben zu Soli und Improvisationen an: Auf einmal ist die Melodie des Beatles-Songs «Day Tripper» herauszuhören. Das Publikum tobt vor Freude – Hände fliegen in die Höhe, und überall blinken die Elton-John-Brillen in Rot und in Blau.«Ich habe mich geschämt»

Gegen Ende des Konzerts setzt Elton John zur ehrlichen und offenen Lebensbeichte an: «In den Achtzigerjahren habe ich mich selbst gehasst, schämte mich, ich war selbstsüchtig und rücksichtslos. Ich habe mein Leben geändert» – nun liege ihm seine Aids-Stiftung am Herzen, für die er in der Folge ausführlich wirbt. Und er verkündet: «Ich will nun ein anderes Leben führen, mit meinen Kindern, und das will ich richtig tun. Das ist nun wirklich mein Abschied von der Bühne – ich hatte genug Applaus für ein ganzes Leben. Goodbye und Danke für all die Jahre Freundlichkeit, Grosszügigkeit und Liebe.»Elton John ehrt Quincy Jones

Kurz vor dem Konzert habe er in Montreux die Musiklegende Quincy Jones getroffen. «Das ist jemand, den ich über alles liebe. Er hat in der Welt der Musik neue Standards gesetzt!» lobt Elton John. Quincy Jones, der 86-jährige Montreux-Dauer-Ehrengast, schaut genüsslich vom in der Mitte eingerichteten V.I.P.-Zuschauerturm aus zu, im Rollstuhl sitzend und wohlumsorgt von einer Schar eleganter Damen. Der einstige Michael-Jackson-Produzent muss eine Träne verdrücken, als ihm Elton John «Don’t Let The Sun Go On Me» widmet.

Zum Song «I’m Still Standing» sind auf den Projektionswänden nun Rückblicke auf Elton Johns wilde und ausgefallenste Karrieremomente zu sehen von den Sechzigerjahren bis heute. Und mit alledem soll nun wirklich Schluss sein? Doch vorerst ist Elton John noch auf Abschiedstour – bis ins Jahr 2021. Mit seinem ersten und letzten Besuch am Montreux Jazz Festival hat Elton John eine schöne und bleibende Erinnerung hinterlassen.

Christoph Soltmannowski

http://www.solt.ch

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