Marek Lieberberg holt die Stars in die Schweiz: «Früher habe ich die Plakate selbst geklebt»

Sven Mandel [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]

Marek Lieberberg holt die Stars in die Schweiz: «Früher habe ich die Plakate selbst geklebt»

Marek Lieberberg organisiert seit bald 50 Jahren Konzerte und hat mit den ganz grossen Stars gearbeitet. Seit er angefangen hat, hat sich in der Branche viel bewegt.

Marek Lieberberg (70) ist seit Ende der Sechzigerjahre im Entertainment-Geschäft. Seit Anfang des Jahres arbeitet er für den Weltgiganten Live Nation. BLICK traf ihn bei einem Besuch in der Schweiz, wo Konzertveranstalter Live Nation seit einem Jahr aktiv ist: Zuletzt mit Konzerten von Rihanna, Beyoncé und Coldplay – und bald mit Depeche Mode und Sting.

SOLT: Herr Lieberberg, seit fast 50 Jahren sind Sie einer der erfolgreichsten Konzertveranstalter. Verraten Sie uns Ihr Geheimnis?
Marek Lieberberg: Ein Veranstalter muss Empathie, Erfahrung und Risiko in Einklang bringen.

War das früher einfacher?
Heute ist die Situation völlig anders. Damals gab es überhaupt keine Strukturen. Jetzt ist Musik ein globales Business. Heute kann man jeden Manager direkt kontaktieren. Früher musste man erst persönliche Beziehungen aufbauen. Bis man dann in London zitternd dem The-Who-Manager Peter Rudge erklärte, warum es kein Wagnis sei, mit einem jungen Musikmanager ohne Erfahrung auf Tour zu gehen.

Wie haben Sie das geschafft?
Mit Enthusiasmus und Überzeugungsfähigkeit. Ich denke, dass ich Leidenschaft und gleichzeitig Bodenhaftung suggeriert habe, es war ein Mix aus Wahnsinn und genialem Plan. Ich hatte die Fähigkeit, Künstler zu überzeugen. Die ersten erfolgreichen Konzerte wurden dann zu einem Leistungsausweis.

Gab es auch Rückschläge?
Es war ein langer, beschwerlicher Weg mit vielen Höhen und Tiefen. Frank Sinatra war Mitte der Siebziger der erste, schwere Prüfstein. Wir kämpften mit den Ressentiments der Medien und Widerständen gegen hohe, aber nicht ungerechtfertigte Ticketpreise. Das Resultat: Hohe Verluste, die uns fast das Genick brachen. Mit den Europatourneen von Leonard Cohen, Cat Stevens, Deep Purple und Pink Floyd änderte sich die Situation dann aber schlagartig zu unseren Gunsten. In meinen bald 48 Jahren als Veranstalter habe ich schon einige Krisen erlebt. Doch bin ich stolz darauf, dass es nie zu einem Kollaps kam. Bis 1986 arbeitete ich mit Marcel Avram zusammen, von dem ich mich aus persönlichen Gründen trennte. Dann kam der Quantensprung mit der Marek-Lieberberg-Konzertagentur, die über Jahrzehnte hinweg weltweit erfolgreich agierte.

Könnte man heute noch immer auf Ihre Art Erfolg haben?
Wir leben in einer anderen Zeit. Die Popmusik und das sich parallel dazu entwickelnde Tourneegeschäft lernten Ende der Sechzigerjahre laufen. Es war ein Learning by Doing. Wir haben uns das Fachwissen angeeignet, während wir das Business neu erschufen. Früher liess sich die Zugkraft einer Gruppe durch ihre Plattenverkäufe abschätzen. Heute gelten andere Gradmesser. Verkaufszahlen haben nur noch eine bedingte Bedeutung. Popularität misst sich nach Klickzahlen und Social-Media-Aktivitäten. Heute ist alles spezialisiert. Damals habe ich das meiste selbst gemacht: Plakate geklebt, Tickets verkauft und Anlagen aufgebaut. Mit meinem kleinen VW bin ich jeweils vor dem Tourbus hergefahren, um sicher zu sein, dass er die nächste Stadt erreicht.

Ist das Veranstalterbusiness heute nicht mehr lukrativ?
Für junge Promoter gibt es Nischen, in denen man nach wie vor viel erreichen kann. Festivals und Künstler, die sich unter dem Radar der grossen Konglomerate bewegen. Die Technologie ermöglicht den Künstlern, ihre Musik selbst zu verbreiten. Es gibt ein riesiges Entwicklungsfeld für kreative und inspirierte Menschen.

Profitieren Veranstalter wie Sie von den sinkenden Plattenverkäufen, weil die Stars lieber auf Tournee gehen?
Die Plattenindustrie hatte nicht das Glück, ihre Geschäfte mit Barrieren sichern zu können. Leider wurden viele Chancen versäumt. Man war sich uneinig, und die gewohnten Strukturen zerbrachen. Die Dämme gegen kostenlosen Musiktransfer erwiesen sich als wirkungslos.

Die Stars müssen Ihr Geld also wieder auf der Bühne verdienen.
Die Künstler firmieren das gerne als Escape from the Studio. Aber das Livegeschäft kann nur dann erfolgreich sein, wenn es sich an der Nachfrage orientiert. Deshalb gibt es für Live-auftritte ein natürliches Limit. Wichtig ist, dass Kreativität und Integrität nicht in Frage gestellt werden. Es gibt nicht viele Künstler wie etwa Sting, die sich immer wieder neu erfinden.

Seit 2015 ist Live Nation in der Schweiz aktiv. Wie schätzen Sie die Marktchancen ein?
Die Schweiz ist ein Land mit einer vielfältigen Kultur, musikinteressierten Menschen und einer hervorragenden Infrastruktur. Bald kommen weitere Locations dazu, etwa die Samsung Hall in Dübendorf. Das erhöht das Potenzial.

Was hat Live Nation Schweiz vor?
Bisher sind unsere Künstler von Dritten vermarktet worden. Jetzt nehmen wir unser Schicksal selbst in die Hand. Live-Nation-Stars wie U2, Depeche Mode, Kanye West, Sting, Madonna, One Republic oder Coldplay vermarkten wir nun selbst.

Sind Sie bisher zufrieden?
Ja, als Coldplay im Juni zweimal im Letzigrund spielten, durften wir uns über 90’000 Besucher freuen. Auch die Ergebnisse von Beyoncé und Rihanna waren beachtlich.

Welche Künstler bringen Sie demnächst in die Schweiz?
Depeche Mode kommen in den Letzigrund. Weiterhin präsentieren wir Künstler wie System Of A Down, Sting oder Patricia Kaas. Bisher konzentrieren wir uns weitgehend auf grosse Namen.

Sehen Sie sich auch in der Pflicht, den Musiknachwuchs zu fördern?
Ja klar, junge Künstler aufzubauen, das haben wir in unserer DNA. Damit gewinnen wir die Zukunft. In den Achtzigern spielte U2 in Hamburg noch vor 80 Fans. Wenige Jahre später füllten sie ganze Stadien.

Im Mai sind Sie 70 geworden. Denken Sie ans Kürzertreten?
Denken schon, aber praktisch ist das Gegenteil der Fall. Die Ansprüche sind gestiegen, man muss ständig erreichbar sein. Es ist ein Fluch der Zeit, dass die Leute nicht mehr lernen, in Zusammenhängen zu denken.

Christoph Soltmannowski

http://www.solt.ch

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