Jaël: Ich war ein schüchterner Teenager

Jaël: Ich war ein schüchterner Teenager

Mit «Nothing to Hide» präsentiert Jaël ihr zweitesStudio-album – und gibt sich darauf offen und schnörkellos. Gerade 40 geworden, ist die ehemalige Lunik-Sängerin nach 20 Bühnenjahren gelassener denn je, wie sie sagt.

vent.: Du bist vor anderthalb Jahren Mutter geworden. Hat dich das verändert?

Jaël: Ja, in vielerlei Hinsicht. Ich bin noch immer auf dem Planeten Mama. Ich bin sehr viel mit Eliah zusammen – wir geben ihn nicht in eine Kita. 

Letztes Jahr bist du mit Orchester am Montreux Jazz Festival aufgetreten. 
Im Moment fühlte es sich einfach wie ein normales Konzert an, aber es ist schon irgendwie der Ritterschlag schlechthin, als Schweizer Musiker in Montreux auftreten zu dürfen.

Im Song «No Matter What» deines neuen Albums singst du gemeinsam
mit dem französischen Sänger Roman Chelminski. Es geht im Text um Liebe …

… ja, um die nächste Stufe von Liebe. Auch um das Älterwerden. Es wäre komisch, wenn ich Liebeslieder wie eine Achtzehnjährige schreiben würde. Das Lied habe ich über mich und meinen Mann geschrieben. Wir sind jetzt schon vierzehn Jahre zusammen, das verflixte siebte Ehejahr haben wir auch überstanden. Als der Song geschrieben war, hatte ich das Gefühl, dass irgendetwas fehlt. Mein Produzent Thomas Fessler fand, dass es etwas für ein Duett wäre. Er
hat mir dann verschiedene englische Stimmen vorgeschlagen. Plötzlich wurde
mir klar, es muss für diesen Song eine französische Stimme sein. Da kam
mir Roman in den Sinn. 

Wie gefällt der Song deinem Mann?

Als ich ihm den Text gezeigt habe, hat ihn dies sehr berührt. 

Und wie gefällt eurem Sohn Eliah deine Musik? 

Er war total gefesselt, als mein Vater ihm die Videoaufnahmen von Montreux zeigte. Auch wenn er die CD oder die Autogrammkarten sieht, sagt er: «Mama, Mama!» Er summt auch mit – und eines seiner ersten Worte war «Ita», für Gitarre.

Dein neues Album heisst «Nothing to Hide» («Nichts zu verstecken»). Hast du bisher etwas versteckt?

Ich habe nie das Bestreben gehabt, aktiv irgendetwas zu verbergen. Früher hatte ich schon ein wenig Angst, mir eine Blösse zu geben. Es war mehr eine Schüchternheit. Ich war ein unsicherer Teenager. Aber mit zunehmendem Alter kommt die Gelassenheit, es wird egal, was die Leute über einen denken. 

So schüchtern kannst du früher nicht gewesen sein – du hast ja schon in ganz jungen Jahren in einer Schülerband gesungen.

Ich war sicher keine «Rampensau». In Filmen von damals siehst du, wie ich mich da hinter dem Mikrofon verstecke und zwischen den Songs möglichst nichts
sagte – das Einfach-mal-drauflos-Reden hatte mich lange Zeit wahnsinnig nervös gemacht. Das ist jetzt nicht mehr so. 

Im Video zu «Done with Fake» zeigst du dich zum Schluss völlig ungeschminkt.

In diesem Song geht es um das innerliche Sich-Verstecken und das aufgesetzte Lächeln. Oberflächliche Menschen
langweilen mich immer mehr, oder etwa jene, die ständig den Clown spielen, während man merkt, dass es in ihnen brodelt. 

Mutig – wie waren die Reaktionen?

Die Kommentare waren zu 99 Prozent positiv. Jemand aber schrieb: «Ist Schminken etwa nicht schön?» Ich finde ja gar nicht, dass man sich nicht schminken dürfe. Das Video soll mehr ein symbolisches Statement sein.

Du hast in London eine Schauspielausbildung absolviert. Kann es sein, dass du irgendwann mal nicht nur Musik machst?

In der Schauspielschule habe ich gelernt, dass man erst die Rolle, die man im Leben spielt, ablegen muss, um eine neue Rolle annehmen zu können. Im Nachhinein war das eher eine Psychotherapie. Ich habe auch mal ein Psychologiestudium begonnen und eine Sportmassageausbildung.
Ich habe viele Interessen, könnte mir auch vorstellen, mal ein Buch zu schreiben. 

Aber erst mal gehst du jetzt auf Tournee. 

Ja, erst sind wir bis Ende Jahr als Quintett unterwegs, für 2020 ist wieder eine Akustiktour angesagt. Denn die Musik zieht mich immer wieder zurück, da
bin ich einfach ich.                                ν

Interview: Christoph Soltmannowski

Christoph Soltmannowski

http://www.solt.ch

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