Poppy: Disruptiv und abgrundtief provokativ

Poppy: Disruptiv und abgrundtief provokativ

Wer ist Poppy? Cyberqueen oder Comicfigur? Performance-Artistin oder Influencer-It-Girl-Tussi? Mensch oder Roboter? Viele Fragen, auf die es noch mehr, aber keine eindeutigen Antworten gibt.

Wenn Poppy die Bühne betritt, kommt es vor, dass Veranstalter nervös in der Google-Bildsuche nachschauen, ob hier wirklich die richtige Künstlerin auftritt – oder nur eine andere Frau, die sich als Poppy ausgibt.  

Denn immer wieder überrascht Poppy mit neuen Looks. Und hat gerade diese zu ihrem Markenzeichen gemacht.

Längst vorbei ist die Zeit, als sich Poppy als von Mangas und Japan-Pop inspirierte Cyberqueen und «Internetpersönlichkeit» schubladisieren liess. Dabei ist es nicht mal fünf Jahre her, dass Feuilletonisten sie und ihre Videos als «Kommentare über die Gesellschaft, die die Ängste des modernen Lebens berühren», hochpriesen – und sie dabei in einem Atemzug mit Mystery-Regisseur David Lynch, Film-Fabulierer Tim Burton und sogar Pop-Gott Andy Warhol nannten. 

Willkommen in der «Church of Poppy»!

Inzwischen ist sie wieder ganz Mensch, wenn auch nicht das nette Girl von nebenan – Poppy will vergöttert werden. Sie sieht sich als religiöse Führerin, ihrer Church of Poppy kann man im Internet beitreten. Vorerst. Denn eigentlich plant Poppy, ihr eigenes Internet zu starten. Das weltumspannende Datennetz, so wie wir es kennen, hat sie bekannt gemacht – und wie sie selber sagt: «Das Internet war mein Lehrer.» Jahrelang hat sie es benutzt, mal um auf Youtube Interviews mit Topfpflanzen zu führen oder auch um selbst komponierte Ambient-Musik zu verbreiten. Da arbeitete sie mit einer Technik namens Autonomous Sensory Meridian Response, die glasklare Geräusche direkt aus Hirnströmen erzeugt – und liess sich von Schlafforschern beraten. 

Wissenschaft, Kunst oder Satire? Wir wissen es nicht. Und Poppy ist es vielleicht egal. Sie wirft Fragen auf, für die es keine Antwort gibt. So auch in ihrem neuen Video «I Disagree», wo sie Plattenbosse mit Benzin übergiesst und anzündet – eine Absage an die Musikindustrie? Im Song «Concrete» fantasiert Poppy davon, in Beton eingegossen zu werden, schaufelt dann im Latex-Anzug auf dem Friedhof und singt dabei zuckersüss über Glace und Tee. Die Musik bewegt sich zwischen felsigen Heavy-Metal-Riffs und fröhlich-beschwingten Country-Melodien. Poppy wechselt die Genres und Stile schneller, als man auf einer Fernbedienung zappen kann. 

Wäre das alles nicht so vielschichtig kombiniert und voller raffinierter Anspielungen angelegt, könnte man es elegant als Attitüden einer aufmerksamkeitsgierigen Instagram-Tussi abtun. So aber präsentiert die disruptive Künstlerin die Quadratur der Pop-Provokation, die Lady Gaga alt und Madonna uralt aussehen lässt – sogar die aktuell allerorten lobgepriesene Billie Eilish wirkt neben ihr wie eine biederernste Emo-Spassbremse.

Mittlerweile sollen sich sogar die Rolling Stones als Poppy-Jünger geoutet haben, und Schock-Rocker Marilyn Manson lud die alle Klischees auf den Kopf stellende Pop-Greta sogar an die Feier seines fünfzigsten Geburtstags ein. Die Schweizer Poppy-Gemeinde freut sich auf das kommende Konzert im Zürcher Plaza – bestimmt wird die charismatische Künstlerin auch in der Zwingli-Stadt neue Gläubige dazugewinnen.

Christoph Soltmannowski

http://www.solt.ch

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